Im dritten Jahrhundert vor Christus beschloss Ptolemaios II., das gesamte Wissen der Menschheit an einem Ort zu versammeln. Die Bibliothek von Alexandria wuchs über Generationen auf vierhunderttausend Schriftrollen. Gelehrte aus der gesamten bekannten Welt schickten ihre Arbeiten nach Ägypten. Eratosthenes berechnete dort den Umfang der Erde mit einem Stock und einem Schatten und lag um weniger als zwei Prozent daneben. Heron entwarf dampfbetriebene Mechanismen, siebzehnhundert Jahre bevor James Watt sein Patent anmeldete.
All dieses Wissen existierte an einem einzigen Ort. Und als dieser Ort über die Jahrhunderte verfiel, durch Kriege und politische Umwälzungen, vor allem aber durch die Gleichgültigkeit derer, die für den Erhalt hätten sorgen müssen, verschwand es mit ihm. Die Maschinen des Heron blieben Spielzeug für Tempelbesucher. Die Berechnungen des Eratosthenes gerieten in Vergessenheit. Es liegt nahe zu vermuten, dass die Entwicklung der Dampfmaschine Jahrhunderte früher hätte beginnen können, wäre dieses Wissen erhalten geblieben.
Die Lektion von Alexandria hat wenig mit Ägypten zu tun. Sie handelt von der Zerbrechlichkeit allen Wissens, das nur an einem Ort existiert.
Der Kopf als einziges Archiv
Ein Textilunternehmer in der Steiermark, zweiundsiebzig Jahre alt, baute sein Unternehmen über vier Jahrzehnte auf. Er wusste, welche Garnqualitäten unter welchen Bedingungen nachgeben. Er kannte die Eigenheiten seiner siebzehn wichtigsten Kunden so genau, dass er am Ton einer E-Mail ablesen konnte, ob ein Auftrag wackelt oder steht. Er wusste, welcher Lieferant unter Druck nachverhandelt und welcher eher den Vertrag kündigt. Er trug in seinem Kopf ein Archiv, das kein ERP-System abbilden konnte, weil es aus Erfahrung bestand und aus vierzig Jahren täglicher Entscheidungen.
Sein Nachfolger, der eigene Sohn, übernahm das Unternehmen 2019. Er brachte alles mit, was eine Wirtschaftsuniversität vermitteln kann. Er hatte Zugang zu derselben Software, denselben Kontakten, denselben Kunden. Was ihm fehlte, war das, was in keinem Ordner lag. Die Einschätzung, wann ein Preisnachlass strategisch klug ist und wann er Schwäche signalisiert. Die Fähigkeit, an der Stimme eines Kunden am Telefon zu hören, ob der Auftrag noch lebt. Der Sohn machte in den ersten achtzehn Monaten zwei Fehler, die der Vater mit einem Stirnrunzeln abgewendet hätte. Die Kosten betrugen zusammen etwas mehr als dreihunderttausend Euro.
Der Vater hatte sein Wissen nie weitergegeben, weil er glaubte, es sei selbstverständlich. Was für ihn Routine war, war für seinen Sohn unsichtbar gewesen. Der Kopf des Vaters war die Bibliothek. Und die Bibliothek hatte keinen Katalog.
Achtzig Prozent
In der Wissensmanagement-Forschung gibt es eine Zahl, die seit den neunziger Jahren wiederholt bestätigt wurde. Etwa achtzig Prozent des relevanten Wissens in einer Organisation sind implizit. Sie stecken in den Köpfen der Menschen, die dort arbeiten. In ihren Gewohnheiten, ihren Einschätzungen, ihrem Gespür für Situationen. Die restlichen zwanzig Prozent stehen in Handbüchern und Datenbanken.
Der japanische Organisationstheoretiker Ikujiro Nonaka prägte 1995 den Begriff der Wissensspirale. Seine Forschung an der Hitotsubashi-Universität in Tokio zeigte, dass das implizite Wissen einer Organisation ihr eigentlicher Wettbewerbsvorteil ist. Maschinen lassen sich kopieren und Prozesse nachbauen. Das Urteilsvermögen der Erfahrensten wächst über Jahrzehnte und geht an einem einzigen Tag verloren, wenn der Mensch, der es trägt, das Unternehmen verlässt.
Der Chemiker und Philosoph Michael Polanyi hatte schon 1958 einen Namen dafür gefunden. Tacit knowledge. Stilles Wissen. Wissen, das im Körper sitzt, in den Händen, im Bauchgefühl. Polanyi beschrieb es mit einem Satz, der seitdem in der Wissenschaftstheorie kanonisch geworden ist. Wir wissen mehr, als wir sagen können. Der Chirurg, der nach zehntausend Operationen in den ersten drei Sekunden sieht, ob etwas anders ist als sonst, bevor der Monitor es zeigt, besitzt stilles Wissen. Der Unternehmer, der in einem Raum voller lächelnder Geschäftspartner spürt, dass einer von ihnen lügt, besitzt stilles Wissen. Und der Textilunternehmer, der an einer E-Mail abliest, was kein Algorithmus erkennen würde, besitzt es auch.
Dieses Wissen lässt sich mit keiner Technologie sichern. Es lässt sich nur in Geschichten übersetzen. In die Erzählung konkreter Situationen, in denen es zum Einsatz kam. In Sätze wie diesen. Als der Kunde aus Turin im März 2007 plötzlich eine größere Charge bestellte, wusste ich, dass er seinen Hauptlieferanten verloren hatte und in sechs Monaten versuchen würde, den Preis zu drücken. Ein Satz wie dieser enthält mehr verwertbare Erkenntnis als ein ganzes Handbuch.
Was für Organisationen gilt, gilt für Familien in derselben Weise. Die Werte, die eine Familie über Generationen zusammenhalten, stehen selten auf Papier. Die Geschichten, die erklären, warum bestimmte Entscheidungen getroffen wurden, werden am Esstisch erzählt und nirgendwo sonst. Wenn der Mensch stirbt, der diese Geschichten kennt, stirbt das Wissen mit ihm. Meistens merkt es niemand, bis jemand eine Frage stellt, auf die es keine Antwort mehr gibt.
Nalanda und die zweite Kopie
Im Jahr 1193 zerstörte Bakhtiyar Khilji die Universität von Nalanda im heutigen Bihar, Indien. Nalanda war neunhundert Jahre lang eines der bedeutendsten Zentren für Philosophie und Medizin in Asien gewesen. Zehntausend Studierende aus Tibet, China, Korea und Persien hatten dort gelernt. Die Bibliothek bestand aus drei mehrstöckigen Gebäuden und soll so umfangreich gewesen sein, dass sie monatelang brannte.
Was Nalanda von Alexandria unterscheidet, ist ein Detail, das den Unterschied zwischen totalem Verlust und teilweiser Rettung ausmacht. Einige der Gelehrten aus Nalanda hatten Kopien ihrer Arbeiten an Klöster in Tibet und Sri Lanka geschickt. Jahrhunderte nach der Zerstörung tauchten Fragmente wieder auf. Medizinische Texte in tibetischen Bergklöstern. Philosophische Abhandlungen in singhalesischen Archiven. Nalanda überlebte in Bruchstücken, weil einige wenige Gelehrte dafür gesorgt hatten, dass das Wissen an mehr als einem Ort existierte.
Die Lektion ist für Familien dieselbe. Solange die Geschichte eines Menschen nur in seinem eigenen Kopf existiert, ist sie so verletzlich wie eine Schriftrolle in einer brennenden Bibliothek. In dem Moment, in dem sie aufgeschrieben wird, in dem sie ein zweites Dasein auf Papier bekommt, verändert sich ihr Status. Sie wird unabhängig von der Person, die sie erlebt hat. Sie kann gelesen werden, lange nachdem die Stimme des Erzählers verstummt ist. Sie kann Fragen beantworten, die erst in zwanzig oder dreißig Jahren gestellt werden.
Bei ARVORIN beginnt dieser Prozess mit einem Gespräch. Ein Archivar sitzt dem Menschen gegenüber, dessen Geschichte bewahrt werden soll, und stellt Fragen. Über Wochen und Monate entsteht aus dem Zuhören und Ordnen ein Buch. Gedruckt, gebunden, auf Papier, das Generationen überdauert. Die zweite Kopie.
Die Stimme, die weitergibt
In Westafrika gibt es seit Jahrhunderten eine Tradition, die das Problem der einzelnen Bibliothek auf ihre eigene Weise löst. Die Griots, Geschichtenbewahrer der Manding-Völker, tragen die Genealogien und Geschichten ganzer Dynastien in ihrem Gedächtnis. Als Amadou Hampâté Bâ, der malische Schriftsteller und Ethnologe, 1960 vor der UNESCO sprach, sagte er einen Satz, der seitdem in der Kulturwissenschaft zitiert wird. In Afrika stirbt mit jedem Greis eine Bibliothek.
Die Griots wussten um die Verletzlichkeit ihres Wissens. Deshalb bildeten sie Schüler aus, über Jahre und Jahrzehnte, und gaben die Geschichten mündlich weiter. Es war ein funktionierendes System, solange die Kette hielt. Wenn ein Griot starb, bevor er seine Nachfolge gesichert hatte, verschwanden mit ihm die Geschichten mehrerer Generationen. Unwiederbringlich.
Die Parallele zu einer Unternehmerfamilie in Mitteleuropa liegt näher, als es auf den ersten Blick scheint. Der Gründer, der seit vierzig Jahren seine Firma führt, ist der Griot seiner Familie. Er kennt die Geschichten, die erklären, warum die Familie ist, wie sie ist. Warum bestimmte Entscheidungen getroffen wurden. Was die Werte sind, die das Unternehmen zusammenhalten. Und wie der Griot glaubt auch er, dass noch Zeit sei. Dass die Geschichten am Esstisch reichen. Dass die Kinder schon verstanden hätten.
Sie haben es selten verstanden. Weil das, was am Esstisch erzählt wird, Bruchstücke sind. Weil die wichtigsten Geschichten oft die sind, die nie erzählt werden, weil der Erzähler sie für selbstverständlich hält.
Die Mönche von Monte Cassino
Im sechsten Jahrhundert, als das Römische Reich zerfiel und mit ihm die Infrastruktur, die Bibliotheken am Leben erhalten hatte, begannen Benediktinermönche in ganz Europa mit einer stillen Arbeit. Sie kopierten Manuskripte. Stunde für Stunde, Tag für Tag, in kalten Skriptorien bei Kerzenlicht. Die Regel des Heiligen Benedikt sah neben Gebet und Arbeit auch das Lesen und Abschreiben vor. Es war keine kulturelle Mission im modernen Sinn. Die Mönche glaubten, das Wort Gottes zu bewahren. Aber sie bewahrten nebenbei die gesamte antike Philosophie.
Das Kloster Monte Cassino, 529 von Benedikt selbst gegründet, wurde im Lauf der Geschichte viermal zerstört. Zuerst durch die Langobarden, zuletzt durch alliierte Bomben im Februar 1944. Und jedes Mal wurde es wieder aufgebaut. Jedes Mal wurden die Texte aus Kopien rekonstruiert, die an anderen Orten existierten.
Die Mönche hatten verstanden, was die Verwalter von Alexandria übersehen hatten. Der Wert eines Textes misst sich an der Anzahl seiner Kopien. Ein Manuskript, das in einem einzigen Kloster liegt, ist eine Kerze im Wind. Dasselbe Manuskript in mehreren Klöstern brennt weiter, auch wenn eines von ihnen fällt.
Für eine Familiengeschichte gilt dasselbe Prinzip. Ein Buch, das in einem Regal steht, ist mehr als eine Erinnerung. Es ist eine Versicherung gegen das Vergessen. Die Gewissheit, dass die Stimme des Großvaters auch dann noch gehört werden kann, wenn der Großvater längst gegangen ist. Dass die Lehren, die er aus vierzig Jahren Arbeit gezogen hat, zugänglich bleiben, auch für Menschen, die er nie kennenlernen wird.
Die Bibliothek, die noch steht
Der Textilunternehmer aus der Steiermark lebt noch. Er ist fünfundsiebzig Jahre alt und bei guter Gesundheit. Sein Sohn führt das Unternehmen inzwischen mit wachsender Sicherheit. Die teuren Fehler aus den ersten Jahren haben beide etwas gelehrt.
Geschichten wie seine wiederholen sich in Unternehmerfamilien mit einer Regelmäßigkeit, die auffällt. Ein Vater setzt sich hin und beginnt, sein Leben aufzuzeichnen, zusammen mit einem Archivar, in langen Sitzungen, oft drei Stunden am Stück. Er erzählt von den ersten Jahren, als er mit gebrauchten Maschinen in einer Halle am Stadtrand startete. Von dem Tag, an dem sein größter Kunde den Vertrag kündigte und er innerhalb einer Woche zwei neue finden musste, weil sonst die Maschinen stillgestanden hätten. Von dem Instinkt, der ihm über die Jahre gewachsen ist, und von den Fehlern, die sich erst Jahre später als richtig herausstellten.
Der Sohn liest die fertigen Kapitel und sagt einen Satz, der in solchen Familien immer wieder fällt. Er hätte das Lehrgeld sparen können, wenn er dieses Buch früher gehabt hätte.
Das ist in der Regel wahr. Und es ist auch wahr, dass ein solches Buch in dreißig Jahren mehr wert sein wird als heute. Die Enkel werden Fragen stellen, die der Sohn heute noch gar nicht kennt. Die Geschichten, die ein Vater am Esstisch erzählt, verblassen irgendwann, selbst in den Köpfen derer, die dabei waren. Ein Buch bewahrt die Stimme eines Menschen, während die Erinnerung sie langsam verformt.
Vierhunderttausend Schriftrollen sind in Alexandria verloren gegangen. Die Bibliothek eines solchen Menschen muss es nicht.
Die wertvollsten Bibliotheken haben keine Mauern. Sie stehen in den Köpfen von Menschen, die ein Leben lang gearbeitet, gelernt und entschieden haben. Der einzige Schutz gegen den Verlust ist die zweite Kopie. Ein Buch, das bleibt, wenn der Mensch geht.
Was bleibt, wenn alles andere vergeht?
ARVORIN